Verödung der Städte – Lokalwährungen heisst das Rezept

Kleine Läden haben es immer schwerer. Grössere Einkaufscenter ausserhalb der Stadtkerne buhlen um die Kunden. Das Brot und die Torte kauft man dann gleich da, den lokalen Bäcker braucht es nicht mehr. Die Sonntagszeitung vom 7. August 2016 hat sich diesem Thema in mehreren Artikeln angenommen („Städte kämpfen gegen die Verödung„, „Wenn die Bäckerei nach 120 Jahren schliessen muss„).

Ein Problem, dass man in vielen anderen europäischen Ländern bereits kennt und das nun anscheinend auch die Schweiz erreicht hat. Die lokalen Geschäfte in kleinere Städten verschwinden entweder ganz oder ziehen in die Einkaufscenter ausserhalb der Stadtkerne um. Aus den Stadtkernen verschwindet so das Leben. Der nächste Schritt in dieser Entwicklung dürfte auch schon klar sein: Die kleinen Einkaufscenter sind zu teuer und werden deshalb zu regionalen oder überregionalen Center zusammen gelegt. Haltestellen des öffentlichen Verkehrs innerhalb der Städte braucht es immer weniger, denn zum Einkaufen fährt man einfach ein paar Kilometer raus ins Einkaufszentrum. Das Leben in diesen kleinen Städten wird unattraktiv. Die Landflucht nimmt zu (gut zusammengefasst in diesem Artikel). Es entstehen Geisterstädte.

Kann man diese Entwicklung stoppen? Und wenn ja, wie?

Ein Blick ins Ausland zeigt zumindest, mit was da experimentier wird: Die Einführung von lokalen Währungen. Die Lokalwährungen, die nur von Unternehmen innerhalb des Stadtkernes akzeptiert werden, animieren die Bewohner, wieder vermehrt lokal zu kaufen. Schöne Beispiele für diese Entwicklungen sind die britischen Städte Bristol, Brixton oder Exeter, die mit ihren Komplementärwährungen (Bristol Pound, Brixton Pound, Exeter Pound) genau dieses Problem bekämpfen. Und das nicht ohne Erfolg.

Dank dem Geld, das man nur innerhalb der Stadt einsetzen kann, werden die teilnehmenden Geschäfte wieder attraktiver für die Bewohner. Und die Bewohner können ganz bewusst ein Zeichen setzen: Durch die Bezahlung mit der Lokalwährung stellen sie sicher, dass die Geschäfte auch da bleiben wo sie sind. So profitieren alle: Die Geschäfte machen wieder mehr Umsatz und die Bewohner haben einen belebten Stadtkern. Um die Unternehmen von einer Teilnahme zu überzeugen, wurde ihnen die Möglichkeit geboten, die lokalen Steuern in der Lokalwährung zu bezahlen. Das  Geld zirkuliert nun da, wo es auch hingehört: Bei den Bewohnern der Stadt.

Komplementärwährungen helfen, neue Kunden zu finden und Umsätze zu steigern

In der Schweiz sind wir in einer ganz speziellen Situation: Wir haben bereits eine Komplementärwährung, die genau diesem Zweck dienen könnte: WIR. Die Idee hinter WIR entspricht 1:1 dem, was die englischen Lokalwährungen versuchen. Nur in einem etwas grösseren Stil. Denn bei WIR geht es um den Schutz und die Förderung der gesamten Schweizer KMU-Wirtschaft. Wir müssen uns das Know-how nicht mühsam erarbeiten – es ist schon da!

Bei einem kurzen Blick auf WIR sieht man denn auch, dass die Idee funktionieren kann. Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich die Teilnehmer des WIR-Systems zu den aus Ihrer Sicht wichtigsten Eigenschaften befragt (394 Teilnehmer).

Grafik-Vorteile-WIR

Die Antworten zeigen klar: Komplementärwährungen helfen, neue Kunden zu finden (, bestehende Kunden zu binden) und Umsätze zu steigern. Genau das also, was es braucht, um lokale Geschäfte zu stärken und zu fördern.

Es wird aber noch etwas weiteres klar: Solche Währungen bedürfen Erklärungen zu Wirkung und Vorteilen. Denn die damit verbundene Marktvorteile (beim WIR zum Beispiel die Konkurrenzvorteile gegenüber ausländischen Anbietern und Grossverteilern) sind nicht auf den ersten Blick verständlich. Genauso wenig, wie auf den ersten Blick verständlich ist, wie eine Lokalwährung die Landflucht dämpfen und Stadtkerne wiederbeleben kann.

Es ist zu hoffen, dass die betroffenen Städte einen Blick nach England werfen und sich überlegen, wie ihr Problem mit einer Lokalwährung entschärft werden könnte. Und es ist auch zu hoffen, dass sie dann zum Schluss kommen, dass man einfach auf die bestehende urschweizerische Lösung WIR setzen könnte. Wie die Gemeindepräsidentin von Egerkingen das tun wollte und dann vom Gemeinderat zurück gepfiffen wurde. Gute Ideen brauchen halt manchmal etwas länger.

 

Credits:
Artikelbild von Flickr (onnola), CC-Lizenz: CC BY-SA 2.0 (Zuschnitt verändert)

0 Kommentar

Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.