Banken verlieren Kundenschnittstelle

„Wie viel kann ich mir für Ferien leisten? Buche mir den besten Flug, bezahle ihn von meinem Salärkonto und verschiebe 1000 Franken vom Sparkonto aufs USD-Konto.“

So stelle ich mir Banking in der Zukunft vor. Nicht in der fernen Zukunft, sondern schon bald. Keine Navigation. Keine Menüs. Keine klassische Banking-Interaktion. Nur Text eingeben (oder noch viel lieber sprechen – in Schweizerdeutsch) und schon ist alles erledigt. Keine Kreditkartennummer eingeben, kein Einloggen ins E-Banking.

Es ist nicht die Frage, ob das jemals zur Normalität wird, sondern nur wann.

Und für Banken stellt sich die Frage: Was passiert mit dem Internetbanking, wenn die Interaktion gar nicht mehr dort stattfindet?

KI werden zum digitalen Assistenten

Banken investieren Unsummen in ihre digitale Kanäle – Internetbanking, Mobile Apps, UX-Optimierung, Feature-Ausbau. Für viele Institute – gerade auch Fintechs – wurde der digitale Kanal zum Herzstück der Kundenbeziehung. Und das scheint auch richtig, denn wer die Schnittstellen zum Kunden kontrolliert, kontrolliert die Beziehung. Zumindest ist das die Überzeugung bei vielen Banken.

Doch genau diese Logik beginnt zu bröckeln. Mit Blick auf die Entwicklung der KI-Modelle steht die Frage im Raum, ob eine Banking-App überhaupt noch der zentrale Zugangspunkt bleibt. Denn was wir aktuell erleben, ist mehr als nur ein weiterer UX-Trend. Es ist ein Paradigmenwechsel: weg von Navigation, hin zu Konversation.

Statt Funktionen zu suchen, sagen Kunden einfach, was sie möchten. Sie klicken sich nicht durch Menüs, sondern übergeben die Aufgaben einer KI. Und je mehr Funktionen diese KI vereint, desto interessanter wird die Nutzung für die Kunden.

Internet = KI = Leben

Banken werden nicht in der Lage sein, KI-Systeme mit einem Funktionsumfang wie ChatGPT, Gemini, Claude oder Perplexity selbst anzubieten. Würden sie beim e-Banking eine KI-Oberfläche – oder ein Chat – vorschalten, würde sich diese immer auf das Thema Finanzen fokussieren. Keine Reisebuchung, keine Bildgenerierung, keine Beziehungscoach. Nutzerinnen und Nutzer möchten aber nicht pro Bank oder Anwendung ein anderes KI-System bedienen müssen. Sie möchten eine zentrale KI, über die sie alles steuern.

Gerade dieses «alles aus einer Hand»-Erlebnis wird die Menschen begeistern. Ähnlich wie die vielbeschworenen (chinesischen) SuperApps werden die grossen KI-Systeme zum Mittelpunkt unseres digitalen Lebens werden – und damit auch unser «richtiges» Leben zunehmend dominieren. Sie bündeln Alltag, Konsum und Kommunikation – und zunehmend auch Finanzen, Zahlungen, Sparen, Finanzplanung.

Für die Banken bedeutet das: Konversation mit den Kunden findet nicht mehr im Kanal der Banken statt. Die KI-Assistenten werden diese Funktion übernehmen. Ultimativ werden die grossen KI-Systeme also unweigerlich die Kundenschnittstelle übernehmen.

Die Banken verlieren damit die exklusive Kontrolle über den Zugang zum Kunden. Nicht sofort – sondern schleichend. Aber nachhaltig.

Open Banking und Multibanking als Wegbereiter

Heute werden E-Banking und Mobile Banking von den Kundinnen und Kunden intensiv genutzt. Gerade in der Schweiz ist die Nutzung hoch, die Zufriedenheit ebenfalls.

Das Bankgeschäft ist keine x-beliebige Dienstleistung. Für die Kunden geht es um Geld – und fast nichts ist Herr und Frau Schweizer heiliger als das Portemonnaie. Entsprechend geht es um Vertrauen und um hohe Sicherheit. Eine wichtige Funktion des E-Banking besteht darin, den Kunden ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Die Kundenschnittstelle ist also nicht nur ein Interface – sie ist auch ein Vertrauensversprechen.

Mit der Einführung von Open Banking und Multibanking beginnt die Wichtigkeit dieses Vertrauens- und Sicherheitskonstrukt nun aber zu wackeln. Plötzlich haben Bankkunden die Möglichkeit, die Plattform zu nutzen, die ihnen am besten entspricht. Usability rückt in den Vordergrund. Die Bank, mit dem angenehmsten E-Banking wird der Hauptzugang zur Finanzwelt- die Konten der anderen Banken werden darin angezeigt.

Die Verschiebung

Das Bank-Frontend verliert also an Wichtigkeit – es wird sich von der Bank entkoppeln.

Mit der Zeit wird es immer weniger wichtig, ob die Bedienung des Bankkontos über da e-Banking der jeweiligen Bank, via Multibanking im E-Banking einer zweiten Bank oder gar über die Budget-App eine Fintechs erfolgt. Und wenn man schon der Fintech-App Zugriff gibt, warum dann nicht gleich auch noch dem favorisierten KI-Anbieter?

So werden Interaktion zunehmend mit der KI geführt und an die Bank vermittelt. Die Ausführung des Auftrags bleibt bei der Bank – und muss weiterhin mit den höchsten Ansprüchen an Qualität und Zuverlässigkeit ausgeführt werden.

Banken erleben damit eine Rollenverschiebung: Vom Interface-Anbieter hin zum Enabler, vom sichtbaren Zugangspunkt zum unsichtbaren Rückgrat.

Viele haben es 1994 nicht geglaubt, als Bill Gates sagte: «Banking is essential, banks are not.» Heute wird es deutlicher denn je: Das Bankgeschäft droht in den Hintergrund gedrängt zu werden.

Die strategische Konsequenz

Für Banken bedeutet das, dass sie ihre Prioritäten und ihr Geschäftsmodell hinterfragen müssen. Die reine Kanalentwicklung wird wohl in den Hintergrund rücken. Grosse Investitionen in neue E-Banking-Infrastruktur wollen wohlüberlegt sein.

Künftig werden nicht die Banken mit den ausgeklügeltsten und umfassendsten E-Banking-Systemen das Rennen machen, sondern die Banken, die im Zusammenspiel mit KI-Systemen einen Mehrwert bietet. Solche Banken werden sich einen Konkurrenzvorteil verschaffen und werden wichtiger – für die KI-Systeme und letztendlich auch für die Kunden.

Deshalb gilt es, sich vermehrt auf den Aufbau von Schnittstellen zu fokussieren. Schnittstellen, die sicherstellen, dass KI-Systeme mit den Banksystemen möglichst einfach (und trotzdem sicher) kommunizieren können.

Bis es so weit ist, gibt es einige Hürden zu überwinden. Eines scheint aber klar zu sein: Banken, die sich abschotten, werden verlieren.

Das Ende des Internetbanking

In den nächsten fünf Jahren wird das Internetbanking sicher noch nicht verschwinden. Die regulatorischen Hürden sind hoch und die KI-Systeme werden noch ein paar Jahre benötigen, bis sie das Kundenvertrauen vollends gewonnen haben.

Sobald die KI-Systeme via Open Banking auf die Bankdaten zugreifen und Zahlungen auslösen können, wird sich die Rolle des E-Banking aber grundlegend verändern. Seine Rolle als Vertrauensanker wird dann noch wichtiger – um die Zugänge der verschiedenen Systeme zu kontrollieren und die getätigten Transaktionen zu überwachen.

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